****** 1969 war ein ganz besonderes Jahr für The Who. Zum einen schrieben sie mit ihrem Auftritt beim Woodstock-Festival Musikgeschichte und zum anderen war die Gruppe in diesem Jahr so gut wie pleite. Schuld an letzteren war der Umstand, daß ihre Zerstörungsorgien bei ihren Konzerten die Gruppe so gut wie ruiniert hatten. Da fiel ihren Mastermind Pete Townshend die Sache mit „Tommy“ ein, die die Gruppe über Jahre hinweg finanziell sanierte. „Tommy“ war nicht irgendein Album, sondern eine Rockoper. Die Idee einer Rockoper war nicht neu, keine Erfindung von Pete Townshend. Ansätze dazu hatte es in der Vergangenheit schon des öfteren gegeben, z.B. „S.F. Sorrow“ von The Pretty Things (ein gutes, wenn auch etwas unausgegorenes Werk) oder „A Teenage Opera“, die aber nicht vollendet wurde, aber immerhin den Hit „Excerpt From A Teenage Opera“ von Keith West abwarf. Bei „Tommy“ von The Who sah die Sache ganz anders aus. Mastermind Pete Townshend brütete schon eine ganze Weile dieses Werk und als das Konzept eine konkrete Form hatte, setzte er es mit seinen Bandkollegen Roger Daltrey, John Entwistle und Keith Moon konsequent in die Tat um. Als das Werk 1969 erschien, war die Musikwelt verblüfft, denn kein Künstler oder keine Gruppe der populären Musik hatte zuvor ein derart ambitioniertes Werk veröffentlicht. Die Vertreter der klassischen Musik rümpften naturgemäß die Nasen, denn was sollte auch der Quatsch mit einer Rockoper? Schließlich war/ist Oper etwas ernsthaftes und von solch musikalischen Rüpeln wie The Who kann man so etwas wie Kunst nicht erwarten. Bevor sich diese Klientel dazu herabließ, um sich mit „Tommy“ zu beschäftigen, lauschten sie lieber den Klängen von Mozart oder Verdi. Die äußerst bizarre Geschichte handelt von Tommy, einem blinden, tauben und stummen Jungen, der zum Flipperkönig aufsteigt, von seinen Anhängern zunächst wie ein Gott gefeiert, aber anschließend, als sie merken, daß nur der Gewinnbringung dienen, wieder fallen gelassen wird. Von der Geschichte her hat „Tommy“ demnach mit einer Oper im klassischen Sinn nicht viel gemein, denn statt einer schwülstigen, tragischen Liebesgeschichte bieten The Who eher einen ausgedehnten akustischen LSD-Trip der ausgehenden Psychedelic-Ära. Vom Konzept her ist das Ding aber wie eine Oper angelegt, von bombastischen Overtüre bis zum donnernden Finale. Auch wenn die Fans der Gruppe vom Begriff Rockoper zunächst etwas verwirrt waren, die ersten musikalischen Takte verrieten, daß sie ganz die alten geblieben waren, nur musikalisch reifer und vielfältiger. Und dieses Werk warf einige grandiose Rockklassiker ab, etwa „Pinball Wizard“, „I’m Free“ oder das grandiose Finale „We’re Not Gonna Take It/See Me, Feel Me“. Das „Tommy“ eine durchaus ernstzunehmende Oper ist, bewies die Gruppe 1972, als sie das Werk zusammen mit dem London Symphonic Orchestra sowie einen Gastsolisten neu einspielten. Mit einem Symphonieorchester erscheint das Werk dann in einem völlig neuen Licht. „Tommy“ war auch ein gewagtes Experiment der Who, denn wäre das Album gefloppt, so hätte es ein Mißerfolg ihr sicheres Ende gewesen. Das Album wurde indes der bis dato größte Erfolg der Gruppe und sanierte sie fianziell über Jahre hinaus und hievte sie zudem in den Status einer Supergruppe. Wie dem auch sei, „Tommy“ ist einer der ganz großen Momente, eine Lichtgestalt in der Geschichte der Rockmusik, ein ganz großes Werk, das man einfach kennen muß, ob man es nun mag oder nicht. |